Donnerstag, 21. Oktober 2010
Zugfahren mit Frau Jansen
Kennen Sie das? Sie sitzen im Zug um von einem langen Arbeitstag nach Hause zu fahren und sind total erschöpft. Wenn sie denken, dass eine Zugfahrt genutzt werden kann um mal abzuschalten, haben Sie sich getäuscht.

Gestern war der Zug mal wieder so gefüllt, dass ich die ersten 20 Minuten einen „Stehplatz“ hatte. Die restlichen 20 Minuten hatte ich dann zwar einen Sitzplatz aber auch das Vergnügen mit meinem Sitznachbar gegenüber. Er war geschätzte 60 Jahre alt, hatte eine Glatze und eine schmale Brille mit negativen Dioptrienwerten (kurzsichtig).

Durch das Telefonat, was er gerade begonnen hatte, wurde deutlich: Er ist Arzt. Ein Arzt, der Zug fährt… schon mal sehr sympathisch. Sympathisch war auch sein Thema. Es ging um die Pflegebedürftigkeit von Frau Jansen, die seit 1995 in einem Altenheim untergebracht ist. Er sprach über die hartnäckige Schwiegertochter und über Frau Jansens neue Einstufung in Pflegestufe 2. Er addierte die Zeit, die das Pflegepersonal bei Frau Jansen benötigt und nannte die pflegerischen Maßnahmen. Transfer, Hilfe bei der Ausscheidung, beim Duschen und Anziehen… Nach 10 Minuten verabschiedet er sich von seinem Gesprächspartner und steckte das Handy zufrieden wieder in die Taschen. Er holte sein Notebook hervor und tippe die Informationen hinein.

Ich weiß nicht, wie ich ihm gegenüber saß. Vielleicht mit großen Augen, die versuchten ihn nicht anzusehen.. mit großen Ohren, die versuchten nicht hinzuhören.. (So erging es wohl auch meiner anderen Sitznachbarin, die um einiges älter war als ich und mit leichtem Kopfschütteln unsicher zu mir herüber schaute).
Mir war das sichtlich unangenehm alles mitzubekommen. Dabei wollte ich eigentlich gemütlich nach Hause fahren. Stattdessen machte ich mir nun Gedanke über Frau Jansen, die ich nicht kannte. Hoffentlich werde ich nie Thema eines solchen „Zuggespräches“. Oder haben Sie Interesse sich von Dr. Datenschutz behandeln zu lassen?

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